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Weiſe auf dem Hradſchin fort; beide Brüder ſchienen von einander keine Notiz zu nehmen. Da Polixena mit ihrem jugendlichen Gemahle nach ihrem Schloſſe Raudnitz zurückgekehrt war, ſo war des Kaiſers Leben faſt das eines Einſiedlers in den prächtigen Hallen des Hradſchin, und er nahm in jenen traurigen Tagen nur die allerein⸗ fachſten Speiſen, beſonders in der Schale hartgeſottene Eier zu ſich, weil die krankhafte Angſt, daß Matthias ihm nach dem Leben trachte, wieder in ſeinem Herzen überhand nahm. Sein einziges Getränk war Waſſer aus dem im Hofe des Hradſchin rieſelnden Brunnen, das einer der Diener ihm holen und nach ſtarkem Um⸗ rühren zur Hälfte in des Kaiſers Gegenwart ſelbſt trinken mußte. So vergingen dem unglücklichen Mann die Frühlingstage, von deren Schönheit er nichts genoß, da er ſie meiſtens im dicht verhängten und feſt verſchloſſe⸗ nen Schlafgemach zubrachte. Nachts ging er in die unter der Erde liegenden Marſtälle und machte dort in ge⸗ wohnter Weiſe ſeine Reitübungen. Zuweilen promenirte er auch einſam oder von einem einzelnen Diener be⸗ gleitet in den grünenden, jetzt auch mit zarten Blüten geſchmückten Gängen des Hirſchparks, wo er dann vor den Thierzwingern ſtehen bleibend die ſtolzen gefangenen Geſchöpfe mit trüben Augen betrachtete. Auch an den Sternenhimmel heftete der Unglückliche nicht ſelten ſeine


