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Johannes Kepler hatte, zu den Füßen des Kaiſers knieend, mit aufrichtiger Treue die Hand des Monar⸗ chen an ſeine Lippen gezogen, und eine warme Thräne, die auf dieſelbe aus den Augen fiel, die in die Tiefen des Himmels ſo oft ſchon mit ſeligem Entzücken geſchaut hatten, war Zeuge, daß er das rein menſchliche Gefühl in der Bruſt des verrathenen Monarchen zu erkennen und dankbar zu würdigen wußte.
Während dieſes Vorgangs in dem Saale auf dem Hradſchin ward die Volksmenge vor dem altſtädter Rathhauſe immer dichter und glänzender, bis endlich in der ſtattlichſten Staatscarroſſe, die ſein kaiſerlicher Bru⸗ der ihm durch ſeinen frühern Abgeſandten, Adam von Waldſtein, entgegengeſchickt hatte, Erzherzog Mat⸗ thias erſchien, ſein Abſteigequartier hier im Mittelpunkte der Altſtadt Prags zu nehmen, um, wie er meinte, da⸗ durch den Böhmen einen Beweis ſeines uneingeſchränkten Vertrauens zu geben.
Erzherzog Matthias, der zweite Sohn des von ſei⸗
nen Unterthanen ſo heißgeliebten Kaiſers Max, war nur
wenige Jahre jünger als Rudolf und zur Zeit auch noch unvermählt. Er ſaß, ein ſehr ſtattlicher Herr noch, dem man ſeine ſiebenundfünfzig Jahre nicht anſehen konnte, neben ſeinem Rathgeber und erſten Miniſter, dem Car⸗ dinal Khleſl, der in den prächtigen Gewändern, zu denen
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