188
lebt, glaubt an die Wahrheit des unmöglichen Verbre⸗ chens, deſſen man ſie anklagt; er haßt ſie, und an das Ge⸗ richt, dem er vorſteht, habt Ihr Euch mit Eurer Klage wegen ihr angethaner Beleidigungen gewendet; könnt Ihr ſelbſt, werther Freund, dieſen Weg für den richtigen zum Schutze Eurer armen Mutter halten?“
Kepler antwortete einige Minuten keine Silbe. Dann ſagte er endlich mit einem ſchmerzlichen Seufzer: „Aber ſie iſt ſchuldlos; darf man denn ungeſtraft ein ſchuld⸗ und ſchutzloſes Weib verleumden und mißhan⸗ deln?“
„Ihr ſeid kein Jude, das hört man an Euren Worten“, ſagte der Rabbi.„Habt Ihr denn nie an die Verfolgungen meines armen Volkes gedacht, das auf Be⸗ ſchuldigungen, ebenſo unwahr und widerſinnig als die der Zauberei und Hexerei, ſo oft den Mishandlungen des brutalen Pöbels preisgegeben wurde? Blut in Strömen iſt in den Straßen dieſer Stadt gefloſſen, weil der Wahnſinn irgend eines Thoren oder Böſe⸗ wichts geſagt hat, ein Chriſtenkind ſei im Ghetto ver⸗ loren gegangen und von uns armen Juden geſchlachtet worden, weil wir— pfui über die ekelhafte Idee!— Chriſtenblut zur Anrichtung unſeres Oſterbrodes brauch⸗ ten. Der Gehaßte und Verachtete iſt immer auch ein Unterdrückter, und je wahnſinniger und unmöglicher die
—
—


