Teil eines Werkes 
1. Bd. (1865)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

170

das vorjüngſte krank. Der Ludwig und das Marga⸗ rethlein gehen zur Schule und müſſen um acht Uhr ſchon fertig gewaſchen und angezogen ſein, und mein eigen Töchterlein, kaum neun Jahre alt, ſoll dabei ihnen helfen. O's iſt ihr, dem adligen Fräulein, nicht an der Wiege geſungen, daß ſie ſchon in der Kinderzeit wird ſchwer arbeiten und ihren Stiefgeſchwiſtern aufwarten müſſen.

Beruhige Dich, meine arme Barbara, ſagte Kepler, die Hand ſeiner Frau ſtreichelnd.Ich weiß, Du arbei⸗ teſt für uns alle und erziehſt unſere Kinder gut, ſie eben falls an Thätigkeit und Arbeit gewöhnend; ich ſage, unſere Kinder, denn ich habe gegen Deine Tochter erſter Ehe ſtets ein aufrichtiges Vatergefühl gehegt und wüßte keinen Unterſchied in meinem Herzen zwiſchen ihr und ihren jüngern Geſchwiſtern.

Barbara zuckte mit einem häßlichen Ausdruck ihres ſchönen Geſichts die Achſel.Gut für die, welche das glauben, ſagte ſie recht bitter. Die Nachtwache, Kepler's ſpäte Heimkehr und die Angſt um das kranke Kind hatten ſie wieder einmal verdrießlich gemacht, und die ſanfte Freundlichkeit und ruhige Würde ihres Gatten

übten kaum einen beſchwichtigenden Einfluß auf ihr ver⸗

ſtimmtes Gemüth. Barbara Kepler gehörte zu den Perſonen, die ſich