Teil eines Werkes 
1. Bd. (1865)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

29

wiſſenſchaftlichen Streben des großen Mannes Theil zunehmen, wunderte die erfahrene Matrone nicht, und ſie konnte dies ihr auch nicht als Mangel an Liebe anrechnen.„Es gehört bei einer Frau immer eine hö⸗ here Geiſtesrichtung dazu, die Erhabenheit einer Wiſſen⸗ ſchaft zu beurtheilen, deren praktiſcher Nutzen ihrem Erkenntnißvermögen unzugänglich iſt“, dachte die würdige mütterliche Freundin;„aber daß ihr Frauenherz keine Vorſtellung davon hat, welche Schätze des Gefühls in dem Herzen ihres Gatten verborgen liegen, das iſt ſehr traurig. Armer Johannes! Der Strom deiner Liebe hat bis jetzt eingedämmt gelegen, weh' dir und uns allen, wenn er ungebändigt hervorbrechend das Thal überflutet, in dem bisher deinem friedlichen Fa⸗ milienleben ein weiches Neſt gebaut worden war.“

Von den Kindern Abſchied nehmend, begab ſie ſich, das Herz voll Trauer, in den ſtolzen Palaſt ihrer ſchönen Gebieterin. Polixena war nicht allein, dies theilte ihr der Kammerdiener des verſtorbenen Obriſt⸗ burggrafen von Roſenberg ſogleich bei ihrem Eintritt in die glänzende Halle voll ſeltſamer Heimlichkeit mit.

„Geht nicht zu unſerer Gnädigſten, werthe Frau Wellinger“, flüſterte er der freundlichen Schwäbin zu, „jetzt nicht; kommt vorerſt ein bischen in meine Stube, wo meine Mutter uns Mittagbrod aufgehoben hat,