194
„Ging's mir wohl beſſer als Dir, Du ſüßer Schwärmer?“ verſetzte die Jungfrau.„Du ahnſt es nicht, mein guter Wohlmuth, wie unendlich mehr ich zu leiden und zu dulden habe. Du haſt einen treuen Freund gefunden, mit dem Du lebſt, in dem ſich Dein zweites Ich wiederſpiegelt. Ihr verplaudert die freien Stunden, theilt Euch Euern Kummer, Euere Sorge wechſelweiſe mit; der eine tröſtet den andern, einer ſteht dem andern freundſchaftlich bei, während ich allein da bin, ohne Mutter— ohne Freundin. Wer ſoll mich tröſten, wem ſoll ich mein Weh vertrauen, von wo ſoll ich Linderung erwarten, ich muß meine Liebe ſorgfältig im Herzen verſchließen— kann Niemanden meine Freude meinen Kummer mittheilen und dieſe Entbeh⸗ rung iſt für ein liebend Herz eine qualvolle, ſchwere Laſt!“
„Ach“ ſeufzte Wohlmuth,„wie lange wird ſie wohl noch währen, die ſchöne ſchmerz⸗ und freudenreiche Minnezeit unſeres Lebens?“
Agnes ſchwieg, ſie wagte es nicht die Frage zu beantworten, denn eine dunkle Ahnung machte aus dem zarten Herzen flüſtern, daß bald ein Sturm her⸗ einbrechen könne, der den ſtillen Meeresſpiegel zu einem Wellengebirge emporthürmen, und den Engel der Ruhe einer Taube gleich, aus ihrem Liebesgarten davon ſcheu⸗ chen werde; allein zum Troſte dieſes finſtern Bildes


