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Dichterleben aus unserer Zeit : Novelle / von Jean Charles
Entstehung
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Es iſt die junge Dichterin, deren Gedichte und Novellen gegenwärtig in dieſer Stadt ſo viel Aufſe⸗ hen erregen und deren Name einſt ganz Deutſchland durchtönen wird. Aus ihren Dichtungen, deren Form nichts zu wünſchen übrig läßt, ſpricht ein herzzerrei⸗ ßender Schmerz, der dem des Selbſtquälers Byron gleicht; daraus erhebt ſie ſich aber immer wieder mit einem Ideenſchwunge, wie man ſolchen nur an den beſten Dichtern zu bewundern hat. Vor einem Jahre kam ſie hier aus einem fernen Lande an und lebt zu⸗ rückgezogen und einſam. Niemand kennt ihre Lebens⸗ geſchichte, ihre Verhältniſſe; ſie ſchreibt unter einem angenommenen Namen und hält ſich jeder Berührung fern. Nur ein Menſch unter den Hunderttauſenden dieſer großen Stadt kennt die Quelle, aus der ihr edler Geiſt dieſe Begeiſterung, dieſen großen Lebens⸗ ſchmerz geſchöpft und dieſer Eine weiß nichts von ih⸗ rem Daſein, denn er lieſt ſeit dem Tode Maria's, alſo bereits über ein Jahr, nur weniges, nur ſtreng Wiſſenſchaftliches; die Poeſie ſcheint in ſeiner Seele geſtorben und er hält ſich an nichts mehr als an das Wiſſen. Ja, Carl kennt dieſe Dichterin, obwohl ſein verdüſtertes Auge ſie vielleicht nicht erkennen würde, wenn es ſich jetzt von der Grabſtätte erhöbe und ih⸗ rem ſchönen, reichen Blicke begegnete.