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Dichterleben aus unserer Zeit : Novelle / von Jean Charles
Entstehung
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lenanläſſe und Geiſtesſpiele. Mein Urtheil über Rü⸗ ckert kennen Sie. Er hat Phantaſie, aber nur weib⸗ liche, reproduecirende, alſo eigentlich nur Ein⸗ bildungkraft. Eigenthümliches iſt nichts an ihm als das widerwärtige Streben nach orientaliſcher Nai⸗ vetät, die mit der voccidentaliſchen Selbſtbewußtheit verſchmolzen nur eine Caricatur geben kann, bald eine ſchreckliche, bald eine lächerliche. Einzelne Lieder von ihm, in denen ſich ſein Geiſt ganz frei erging, ſagen, wie bedeutend er hätte werden können, wär' er fein zu Hauſe geblieben und hätte ſeinen Genius redlich genährt in der Heimath. Nunmehr überkommt ihn auch die Geſchwätzigkeit der Orientalen das Naive iſt immer ſehr redſelig und er wird Deutſchland in Kurzem mit einer Fluth von Nachbildungen voll der abſtoßendſten Affectation heimſuchen; ſeine Lie⸗ der werden eine Heuſchreckenplage unſrer Poeſie wer⸗ den.

Chamiſſo hat nicht nur unſere Sprache ſich an⸗ gelernt, ſondern auch unſer ſogenanntes Dichten. Er denkt gut, ſeine Geſinnung iſt edel, ſeine Stimmung oft poetiſch; aber Gedanke, Anſicht und Stimmung machen noch ſo wenig den Dichter, als Laune, Witz und Beobachtunggeiſt den Humoriſten; dieſer bedarf der Combination-, jener der Divinationgabe. Beide