Druckschrift 
Dichterleben aus unserer Zeit : Novelle / von Jean Charles
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Ein Mann über die Fünfzig, ein ſonſt ſo ver⸗ ſtändiger Mann, wie mag er ſich nur von ſeiner zweiten Frau ſo beherrſchen laſſen!

Eben weil ſie ſeine zweite Frau und ſo jung iſt, daß ſie ſeine Tochter ſein könnte. Sie iſt übrigens nun ſelbſt Mutter geworden und er vergißt über das ihm geſchenkte kleine Kind ſeines großen; ſo rächt ſie nun, indem ſie ihn thranniſirt, die Strenge, mit der er meine Mutter behandelt hat. Er verdient es übri⸗ gens nicht beſſer, da er ſich in dieſer ſelaviſchen Ab⸗ hängigkeit zu gefallen ſcheint.

Wie kam es denn nur eigentlich zum Bruche zwiſchen euch? Du magſt mir dieſe Frage ſchon noch einmal erlauben, denn Du weißt, daß ich ein wenig zerſtreut bin; ich vergaß den Hergang.

Ach, lieber Freund, es iſt die gewöhnliche Ge⸗ ſchichte eines Stiefſohnes, der ſich nicht darauf ver⸗ ſteht, des Vaters zweite Frau ſeine Mutter zu nennen und als ſolche zu reſpectiren! Ich that zwar mein Möglichſtes durch zwei Jahre; ſeufzte nur ſchweigend zu der Behandlung, die er und ich von dieſer Frau zu dulden hatten, und zog mich von ihr ſo viel wie möglich zurück. Dies ärgerte ſie; ich machte ihr nicht genug den Hof und ſie ließ es mich fühlbar entgel⸗ ten. Was litt ich nicht für Demüthigungen, ja ſelbſt