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uͤber ihr himmliſches Geſicht; ihre großen blauen Augen verbargen ſich hinter den langen ſchwarzen Wimpern der niedergeſchlagenen Augenlieder, als buͤßten ſie die Verwegenheit der zitternden Lip⸗ pen ab. Alle ihre Zuͤge waren ſo regelmaͤßig und zart, ihr Blick ſo keuſch, ihre Haltung ſo innig, daß man ſie uͤberall die Madonna Raphael's nannte. Es läßt ſich leicht ermeſſen, wie theuer ſie dem General Loris war: er wachte mit Sorge uͤber die Entfaltung der zarten Blume, deren täg⸗ lich neuerſchloßne Bluͤthe den Reichthum andeu⸗ tete, den der Kelch ihres Innern noch verbarg. Aber mit jener einfachen Gemuͤthsart verband Kaliſte einen durchdringenden Verſtand, Wuͤrde ohne Hoffarth, Hingegebenheit ohne Wegwerfung, und alle ihre Gefuͤhle trafen wie in einem Brenn⸗ punkt zuſammen, in einem einzigen, in der Liebe zu ihrem Gemahl. Er war ihr Fuͤhrer, der Ver⸗ traute ihrer Gedanken, vor ihm offen lag jede Regung ihres Gemuͤthes, das ſo mit dem ſeinen zu Einem verſchmolz, daß nur ein Gefuͤhl, ein Wille beide beſeelte. Das Geſchlecht der Loris war eines der älte⸗


