Ich wage hier auch eine Begebenheit mit⸗ zutheilen, die mir eine liebenswuͤrdige Frau ver⸗ traut hat, welche ſelbſt faſt das Opfer ihrer Zuver⸗ ſicht geworden ware; moͤchte ſie das Geſchlecht vor den liſtigen Schlingen im voraus warnen, wel⸗ che, unter der Larve von Freundſchaft, Neid und Rachſucht oftmals ihm ſtellen.
Kaliſte Sénange hatte den General von Loris geheurathet, und verließ, kaum ſechzehn Jahre alt, Marſeille, wo ihre Familie lebte, um ſich nach Paris zu der Familie ihres Gatten zu bege⸗ ben. Sanftmuth und Schuͤchternheit liehen ih⸗ rem angebornen Reiz einen erhoͤhten Zauber, ſo wie das jungfraͤuliche Weſen, das ſie unter den ge⸗ zierten Schoͤnheiten auszeichnete, in deren Mitte ſie auftrat. Sie ſchämte ſich die Blicke auf ſich zu ziehn, verſtand nichts vom Geſchwätz der Be⸗ wu derung, und erſchien in Geſellſchaft mehr aus Pflicht, als aus Luſt. Ihre Stimme waͤre im Chor der Engel ſchoͤn geweſen, und wenn ſie ſelbſt deren Laut vernahm, bei einem einzigen geſpro⸗ chenen Wort, erroͤthete unwillkuͤhrlich uͤber und


