23
durch das Studium der Geſchichte und des Geiſtes der Geſetze von Montesquien gereift; doch ſchlummerten ſie noch in ihr, ohne ein Ziel gefunden zu haben, in dem ſie ſie thatſächlich üben konnte. Durch ſeine Worte war ihr dies Ziel mit einem Male nahe gerückt. Nicht ſchwärmen ſollte ſie für die Freiheit von Nationen, die ſie nur dem Namen nach kannte; ſondern für den Boden, auf welchem ſie wandelte, dieſe Freiheit erſtreben zu helfen, war ihr Beruf.
Verwirrt fühlte ſie jetzt ſeinen Blick auf ihr ruhen.
„Ihre Worte haben mich tief ergriffen, Herr von Narbonne,“ ſagte ſie halb beſchämt.„Verzeihen Sie, wenn ich Ihnen die Antwort einen Augenblick vorenthielt. Es mußte mich überraſchen, daß ein junger Mann Ihres Stan⸗ des, in Ihrer Stellung, mit mir im Punkte politiſcher Ge⸗ ſinnung eine Uebereinſtimmung ſuchte. Es iſt ein hohes Glück, ganz unverhofft von einem Andern das ausgeſpro⸗ chen zu hören, was wir uns ſelbſt noch kaum bekannt.“
„Und doch iſt dies der gewöhnliche Fall bei einer ein⸗ geſtandenen Liebe,“ ſagte Narbonne mit bedeutſamem Blicke,„warum alſo auch nicht bei einer ausgeſprochenen Geſinnung?“
Germaine wurde unruhig und verlegen. Sie ſprang auf und wandelte raſch in dem kleinen Garten auf und ab,


