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ruhigend, und entfernte ſich, um ſie nicht zu ermüden, mit dem Verſprechen, ſie bald wieder zu ſehen.
Wenige Tage darauf erhielt er von ihr eine Ein⸗ ladung zum Mittageſſen. Er traute ſeinen Augen kaum. Hatte ſie ſich ſo ſchnell erholen können?— Das war kaum möglich.
Als er erſchien, fand er ſie nicht im Salon. Wie alle Kranke, hatte auch ſie Momente, wo ſie ſich über ihren Zuſtand täuſchte, und ganz wohl zu ſein meinte. In ihrer nächſten Umgebung ahnte noch Niemand die Gefahr; denn ihr lebhafter Geiſt, der jeden Augenblick, wo das Fieber nachließ, mit reger Theilnahme für Alle war, führte ihre Freunde irre. Madame Récamier richtete über Tiſche die Frage an Herrn von Chateaubriand, was er von dem Befinden ihrer Freundin halte; darauf erwiederte er ausweichend, denn er vermuthete ſelbſt noch nicht, daß er ſie bereits zum letzten Male geſehen habe.
Die Kranke hatte ihre Wohnung gewechſelt, ſie war Rue neuve des Mathurins gezogen; aber ohne durch dieſe Veränderung zu gewinnen. Kein Schlummer ſtellte ſich ein und täglich mehr fühlte ſie die Abnahme ihrer Kräfte. Ihre Hand konnte bereits keinen leſerlichen Buchſtaben mehr vorzeichnen, ihr Geiſt keinen klaren Gedanken mehr faſſen;— ſchwächer und ſchwächer regte ſich das Leben in ihr.


