Teil eines Werkes 
3. Bd. (1859)
Entstehung
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Ihre Kinder ſaßen um ihr Lager; ein dankbarer Blick der Liebe lohnte ihre treue Liebe. Der bleiche Rocca hielt ſein Auge wie bewußtlos auf ſie geheftet, matt drückte ſie ſeine Hand noch, als wolle ſie ihn über ihren Verluſt zu tröſten ſuchen, den er, das fühlte ſie lebhaft, nicht zu überwinden die Kraft haben würde.

Benjamin Conſtant, die Arme über die Bruſt gekreuzt, ſtand, einem Marmorbilde gleich, in einiger Entfernung von ihrem Lager. Seit er die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß hier von einem Scheiden auf immer die Rede ſei, war ſeine Leidenſchaft für Madame Récamier ver⸗ ſtummt, ſein Ehrgeiz erloſchen; er ſchrieb nicht mehr, er redete nicht mehr, das öffentliche Leben ging ihm nichts mehr an, die politiſche Welt hatte ihr Intereſſe für ihn verloren. Der Schmerz ließ jede andere Empfindung ver⸗ ſtummen. Der nahende Tod ſeiner Freundin rief alle ſeine beſſeren Gefühle wach. Indem er Frau von Stasl auf immer verlieren ſollte, erkannte er erſt was ſie ihm geweſen war, und glaubte, ohne ihren Beifall nichts mehr leiſten zu können. Stumm und ſtarr ſtand er ihr gegen⸗ über und zählte in ſeinen Gedanken die Jahre auf, ſeit er ſie gekannt, ſeit ſie mit warmer Freundſchaft ihn geleitet und gefördert hatte. Und nun ſollte er für immer ohne ſie leben! Mit Mühe faßte er ſich, um einen lauten Ausbruch ſeines Schmerzes zurück zu halten.