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„Sie konnten das nicht ändern,“ erwiederte Roeca, „es war Ihre Natur ſo.“
Er tröſtete ſie auf dieſe Weiſe mit ihren eigenen Worten. Sie nahm das nicht an.
„Seiner Natur folgen, iſt Schwäche.— Ich hätte mich opponiren ſollen. Rouſſeau hat mich auf dem Ge⸗ wiſſen. Nun iſt es zu ſpät. Doch bin ich nur ſchwach, nie böſe geweſen, ich habe nur das Gute gewollt und Nie⸗ mand geſchadet, als mir ſelbſt; das iſt mein Troſt.“
„Die Natur hatte Sie vorzugsweiſe begabt und mußte Ihnen darum auch geſtatten, keiner Regel unterworfen zu ſein. Ich möchte nicht, daß Sie den andern Frauen glichen.“
Sie ſeufzte.
Als Oehlenſchläger am Abend im Salon erſchien, fand er Frau von Staöl von einer glänzenden Geſellſchaft um⸗ geben und Niemand ahnte, daß die Wirthin des Hauſes ihre ganzen Kräfte zuſammen nahm, um während einiger Stunden hier ihre Rolle durchzuführen. Mit Mühe drängte ſich der nordiſche Dichter bis zu dem Sopha durch, wo ſie, ihrer Gewohnheit gemäß, mit einem Turban auf dem Kopfe, ſaß und eine lebhafte Unterhaltung führte.
„Ah! Oehlenſchläger!“ rief ſie, ihm die Hand rei⸗ chend, mit lachender Miene aus,„Sie haben mir doch Ihr jüngſtes Kind mitgebracht? Sie erſcheinen doch nicht als Stiefvater?“


