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Der ſteife Nordländer konnte ſich nicht gleich in dieſe unbefangene Weiſe ihn zu begrüßen finden; ſie that als ob er ſie nur geſtern erſt verlaſſen hätte, während er den langen Zeitraum nicht ohne einige Feierlichkeit zu über⸗ ſpringen vermochte. Er ſah ſie verwundert an.
„Sprechen Sie! Sprechen Sie! Damit ich höre, ob Ihr Franzöſiſch nicht verlernt iſt,“ rief Frau von Stasl. „Wir wollen Sprichwörter aufführen. U faut renoner la phrase interrompue.“
Sie ſtellte ihn darauf Alexander von Humboldt vor, dem er vor zehn Jahren ſchon einmal in Berlin begegnet, und nun hier ſo unerwartet wieder fand. Bald darauf begrüßte ihn Auguſt Wilhelm Schlegel.“ Doch war in dem Gedränge keine fortgeſetzte Unterhaltung möglich. Frau von Stasl lud Oehlenſchläger auf den folgenden Tag zum Mittagseſſen ein. Unſer Dichter konnte an dieſem Tage ſeine Schuhe nicht finden und ſtellte ſich daher, ſtatt um ſechs, erſt gegen ſieben Uhr ein. Man hatte ſchon zu ſpeiſen angefangen, als er eintrat. Um einen kleinen runden Tiſch ſaß Frau von Stasl mit ihrer Tochter, der Herzogin von Broglie, und zwei ältern Damen. Ein Platz für Oehlenſchläger war leer geblieben.— Während dieſer die ſchon abgetragenen Schüſſeln einzubringen ſuchte, machte
* Oehlenſchläger's Briefe.


