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Niemand ahnte, wie viel ſie dabei innerlich ſchon litt, ſo ſehr blieb ſie Herrin ihrer ſelbſt; ſo wenig geſtattete ſie ſich, die Kränkelnde zu ſpielen.
Sie hatte ihre Leidenſchaften nie zu unterdrücken ver⸗ mocht; um ſo mächtiger zügelte ſie dafür jeden körperlichen Schmerz.
Nach den durchwachten Nächten ſtand ſie ſpät auf und empfing erſt gegen Abend. Erſchöpft ſaß ſie früh in ihrem Zimmer, der bleiche Rocca ihr gegenüber; mit halbgeſchloſſenen Augen hörte ſie ihm zu, während er ihr Briefe und Zeitungen vorlas.
„Sie ſind erſchöpft,“ unterbrach ſie ihn bisweilen, „hören Sie auf, es greift Sie an.“
„Ich fühle keine Ermüdung, ſo lange ich bei Ihnen bin,“ erwiederte er mit einem Blicke der Zärtlichkeit, der ihr die Thränen in das Auge lockte.
„Rocca, wenn ich Sie verlieren ſollte!“ rief ſie aus und blickte ihn mit einer ängſtlichen Miene an, die den halb ausgeſprochenen Gedanken fortſetzte.
Er ſchüttelte ungläubig ſein Haupt.—„Was mich belebt hält den Tod fern,“ ſagte er heiter.„Ein un⸗ ſterbliches Feuer durchglüht mich.“
Sie ſeufzte.—„Hätte ich Sie früher gefunden!“ rief
ſie leiſe vor ſich hin. Eine ſchöne junge Frau trat in das Zimmer. 1859. III. Frau von Stasl. TII. 19


