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ſich nichts mehr daran ändern; dann muß es bleiben wie es iſt.“
Madame de Genlis nahm hierauf aus ihrem Schreibtiſche ein zierlich geſchriebenes Manuſcript und las mit vielem Tact und richtig geſteigertem Pathos die Comödie vor. Ihre Stimme klang rein und wohltönend und die richtige Betonung der Worte, das Maßvolle ihres Affectes, machte das Hören leicht und angenehm. Germaine brach wiederholt in laute Ausrufungen der Bewunderung aus, und am Schluſſe ſank ſie unter überſtrömenden Thrä⸗ nen der Verfaſſerin zu Füßen, drückte deren Hände an ihre Lippen und verſicherte, eine der ſchönſten Stunden ihres Lebens verbracht zu haben.
„Sie ſind zu freundlich, oder zu beſcheiden,“ erwie⸗ derte Madame de Genlis auf dieſe enthuſiaſtiſche Ver⸗ ſicherung mit der Haltung der vornehmen Dame, hauchte dabei einen Kuß auf die Stirne des Mädchens und nöthigte ſie aufzuſtehen und ihren Platz wieder einzunehmen.„Mit ſolchen Anſprüchen hat die Zukunft Ihnen noch reiche Fülle zu gewähren, Fräulein Necker.“
„Wie beneidenswerth iſt das Loos einer Frau,“ fuhr Germaine fort, ohne ſich in ihrer Begeiſterung ſtören zu laſſen,„welche dem Genius, der ſie treibt, Flügel leihen darf. Sie ſchaffen das Schöne, Sie leben dem Schönen, Sie gewinnen Freunde, die Sie in der Ferne lieben und


