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die Sprecherin einzunehmen; doch täuſchten ſie nur Ger⸗ maine.
„Ach! Wie beklagenswerth iſt doch der Frauen Loos!“ rief dieſe ſchmerzvoll aus.—„Nur für die engen Pflichten ſollen wir geboren ſein, die Mann und Kind von uns be⸗ gehren, und ewig nur gehorchen dürfen. Mein Vater hat mir häufig ſchon das Glück der Dummen lebhaft ange⸗ prieſen und ſelbſt ein Werk zu ſchreiben angefangen, das le bonheur des sots betitelt iſt.“
„Wie, auch dazu iſt ihm die Zeit geblieben?“ fragte Frau von Genlis verwundert.
„Er weiß, wie Sie, den Tag zu vierundzwanzig Stunden auszudehnen,“ erwiederte Madame Necker lächelnd. „Doch wieder auf Ihr neueſtes Werk zurück zu kommen. Werden Sie es mir verdenken, ja werden Sie es nicht belächeln, wenn ich Ihnen bekenne, daß es mir ſchmeicheln würde, die Erſte zu ſein, der ſein Inhalt bekannt würde und wenn ich darauf hin die Bitte wagte, daß Sie uns etwas daraus mittheilen möchten?“
„Mit vielem Vergnügen,“ verſetzte Madame de Genlis freundlich,„wenn die Damen ablegen und mir einige Stunden ſchenken wollen, ſo leſe ich es Ihnen mit Freuden vor. Es iſt für den Autor eine große Befriedi⸗ gung, das Urtheil Kunſtverſtändiger zu vernehmen, bevor ſein Werk hinaustritt in die Welt. Dann freilich läßt


