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gefunden, trotz dem, daß doch auch Ihre Bibel ſagt: wer viel geliebt, dem ſei guch viel 6
Madame Necker erröthete leicht und ſchlug das Auge nieder. Nach einer augenhliclichen Sammlung richtete ſie jedoch, ganz wie zuvor, ihr blaues Auge ruhig zu Grimmempor und ſagte mit ihrer gewöhnlichen kalten Ruhe:„Mein lieber Baron! Die Flamme eines reinen Herzens würde auch vor mir ihre Geltung finden. Ich bin nicht kalt; nur beſonnen bin ich. Ich liebe meinen Gatten, wie mein beſ⸗ ſeres Ich; er iſt meine Vorſehung auf Erden, ſein Beifall, ſeine Zuneigung ſind mein höchſtes Gut, und all mein Sinnen iſt darauf gerichtet mir es zu bewahren. Das macht mich aber nicht gleichgültig gegen meine Freunde. Nur ein kaltes Herz kann nicht für Andere fühlen; das meinige iſt aber nicht kalt, es iſt von der ſchönſten Flamme durchglüht, und käme ein St. Preux, ſo möchte er ſich gern darin ſonnen. Die Freundſchaft hat, wie die Liebe, ihre heiligen Rechte.“
In dem Augenblicke öffnete ſich die Thüre des Salons, und mehrere Gäſte traten unangemeldet ein. Der Erſte von ihnen, ein kleines, rundes Männchen mit einer blon⸗ den Stutzperrücke und tiefliegenden blanen Augen, eilte mit
raſchen, kurzen Schritten durch das Zimmer, verbeugte ſich vor Madame Necker und ergriff darauf die Hände der kleinen Germaine, drückte ſie herzlich und hauchte einen
1859. I. Frau von Stasl. I. 2


