Teil eines Werkes 
3. Bd. (1860)
Entstehung
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des Willens, darum auch ſchufen ſich die Alten einen Strom, den Lethe, in dem ſie jede ſchmerzliche Erinne⸗ rung ertränkten, bevor ſie das Eliſium erreichten. Verzeihen kann man leicht, denn es geſchieht mit Worten; vergeſſen kann man nie, denn es iſt That.

Was in dem Buche unſeres Lebens verzeichnet ſteht, das löſcht der Wille nie mehr aus, und ſelbſt der Reue Thränen verwiſchen die rothe Schrift nur auf Momente.

Schweigend hatten Mutter und Sohn ihre Gedan⸗ ken ausgetauſcht, ſchweigend ihre Uebereinkunft getroffen, des Geſchehenen nie mehr zu erwähnen. Doch, konnten ſie damit verhindern, daß Jeder in der Seele des Andern las?

Sie lebten ſo nahe einander, ſie ſahen ſich bei Fa⸗ milienfeſten und an Gallatagen, doch änderte ſich in ihrer Beziehung nichts. Ob freiwillig, ob gezwungen, genug, Maria Antonia verließ das Land nie mehr. Sie konnte das Geſchehene nicht ändern; allein be⸗ reuen und Sühne ſuchen, das konnte ſie. Sie betete viel. Abſichtlich das Unrechte gethan zu haben, konnte ſie ſich nicht vorwerfen, und wenn ſie unvorſichtig ihren er⸗ ſten Eingebungen folgte, ſo war das ein Fehler ihrer Natur, aus dem wieder alle ſchönen Regungen ihres Herzens hervorgingen.