Teil eines Werkes 
3. Bd. (1860)
Entstehung
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zurück. Da nahte ſie ſich der Hauptſtadt des Landes, wo ſie an Glück und Schmerz ein reiches Maß gefunden. Ihr Herz ſtand ſtill, als ſie die Thürme erblickte; ihr war zu Muthe, als zöge ſie in ihr Grab ein.

Der junge Churfürſt kam ſeiner Mutter entgegen und begrüßte ſie mit allem ihrem Range gebührenden Anſtande. Sie zitterte bei ſeinem Anblick, aber ſie ver⸗ barg ihr Zittern. Aeußerlich ſchien in ihrer Beziehung nichts verändert, das Publikum ſollte Zeuge ſein, daß nichts ſie trennte; allein das Publikum empfing ſie kalt. Sie war ihm eine Fremde geworden. Er hob ſie jetzt vor den Angen Aller aus ihrem Wagen und führte ſie die Treppe hinauf; hier erſt, als ſich die Thüren hinter ihnen geſchloſſen, blickten Sohn und Mutter ſich in das Auge.

Dieſe ſtumme Sprache war beredter als alle Wor⸗ te. Ihr Sohn, der Richter ihrer Thaten!

Der Vorwurf von der einen Seite und von der andern der empörte Stolz tauſchten ſich gegen einander aus. Beide fühlten ſich auf der empfindlichſten Seite ge⸗ troffen und ihre Wunden heilten nicht.

Verzeihen!

Dies ſchöne Wort, das uns die Engel lehrten, es iſt für Sterbliche nur ein Begriff; verzeihen kann nur der, der auch vergeſſen kann. Vergeſſen aber iſt kein Act