Vorwurf ihrer Seele auf, ob nicht durch ihr Verſchulden dem kleinen Erdenbürger das ſchlimmſte aller Looſe ge⸗ fallen, mit einem ſiechen Körper kämpfen zu müſſen. Nicht mit Mutterluſt und Mutterwonne drückte ſie den kleinen Karl an ihr Herz. Er weinte und ſie weinte mit ihm. Er lachte und— ſie lachte nicht mit ihm; denn auf dem blei⸗ chen, alten Kindergeſichte nahm ſich dies Lachen wie ein Hohn aus. Kam nun der muntere kleine Fritz dazu ge⸗ laufen, ſtieß eiferſüchtig das Brüderchen weg und wollte für ſich allein der Mutter Zärtlichkeit in Anſpruch neh⸗ men, dann wies ſie den muntern Knaben oft faſt un⸗ willig zurück, weil ſeine Vorzüge ihr ein Unrecht ſchienen gegen dies arme, ſchwache Kind, dem ſie als Morgen⸗ gabe das Leid verliehen.
Im Mutterherzen wohnt in dem Bezug Gerechtig⸗ keit, und mehr als das. Das verwahrloſte Kind wird ihm bald das liebſte, es entſchädigt durch die Ueberfülle ſeiner Zuneigung für das, was die Natur verweigert. Sie fühlt inſtinktmäßig, daß es das Opfer trägt für die Sünden ſeiner Väter.
Bald wurde der kleine Karl ſeiner Mutter Liebling. In dieſer Sorge für ein krankes Kind hätte eine Mutter ihre Befriedigung finden, ſie hätte damit ihr Leben aus⸗ füllen können, wäre dieſe Mutter nicht zugleich eine Für⸗ ſtin geweſen.


