„Das iſt eine traurige Geſchichte, mein Raphael,“ nahm der Sänger das Wort.„Wir lernen daraus, wie Neid und Mißgunſt die Welt regieren und den geſunde⸗ ſten Sinn alles Urtheils berauben. Die ſchöne Kirche wird nun wohl unvollendet bleiben.“
„Aber erzählen Sie mir, ich bitte Sie!“ rief der Jüngling warm.„Ein Prachtgebäude, wie dieſes hier, unvollendet laſſen? Unmöglich! König Auguſt hat ja ſelbſt den Grundſtein dazu gelegt und der Vollendung mit ſo vieler Ungeduld entgegen geſehen.“
„Darum eben hat man dem Baumeiſter die Ehre nicht gegönnt, und dem Könige ſo ſehr die Freude an dem Werke benommen, daß man jetzt vor ihm nicht ein⸗ mal davon reden darf.“
„Aber wie war denn das möglich?“
„Man hat dem Könige den Glauben beigebracht, das Dach der Kirche würde einſtürzen, ſobald man das Gerüſte entferne. Der Baumeiſter, Gartan Chiaveri, iſt ein Fremder, wie Du weißt, und ſeine Art zu ſein hat ihm hier wenig Freunde erworben. Er dünkte ſich zu viel, das nahm man ihm übel; doch war ſein Selbſtgefühl verzeihlich, wenn man bedenkt, wie groß ſein Ruf, da er erſt Peter den Großen bei ſeinen Bauten unterſtützt, und dann, von König Auguſt nach Warſchau berufen, die große Weichſelbrücke zu bauen, hierher verſchlagen iſt,


