Zwrites Cnpitel. Der erſte Kuß.
Es war Mittag geworden, bevor Maria Antonia am folgenden Tage bei Oelsnitz die ſächſiſche Grenze überſchritt. Im Namen ihres neuen Vaterlandes ward ſie hier von dem Hofmarſchall von Raknitz begrüßt und ihr der für ſie mitgebrachte Hoſſtaat vorgeſtellt. Damit war zugleich auch ausgeſprochen, daß ihr eigenes Gefolge ſie nun verlaſſen müſſe, daß die Stunde der Trennung geſchlagen habe.
Jeder Abſchied hat ſein Peinliches. Mit einem weh⸗ müthigen Zucken um die Lippen wünſchte die Prinzeſſin ihren treuen Dienern ein Lebewohl und reichte ihnen zum letzten Male die Hand zum Kuße. Hinter ihr lag ihr Vaterland, dahin kehrten jene nun zurück; ſie aber mußte, in Begleitung ihr fremder Menſchen, in ein fremdes Land einziehen und dort ihr neue Gewohnheiten annehmen.— Dieſe aber fallen uns oft grade am ſchwerſten.—
Nur ihrem Friſeur war es aus beſonderer Vergün⸗ ſtigung geſtattet, ihr zu folgen, weil er, wie ſie be⸗ hauptete, ihr unſchönes Geſicht durch ſeine Kunſt in das vortheilhafteſte Licht zu ſtellen wußte*), und ſie darum
9 WVeber, Maria Antonia Walpurgis.


