Teil eines Werkes 
2. Theil (1864)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

ſogar den Baron, indem er der Wärterin den kleinen Mar zurückgab, mit einem Seufzer ſagen:„Armes Kind!“ Die junge Mutter erglühte. Warum arm? fragte ſie ſich und fuhr wie eine gereizte Löwin empor. Was fehlte ihrem Kinde 2 So viel ſie wußte, gar nichts. Es war geſund und ſchön; es war in Verhältniſſen geboren, welche ihm große Vortheile ſicherten, wie konnte man alſo ihren Sohn ein armes Kind nennen?— Warum dieſer bedauernde Aus⸗ ruf? Sie grübelte vergeblich nach dem Grunde. Sie nahm den Kleinen auf ihren Schooß, beſichtigte alle ſeine Glie⸗ der, prüfte ſeine Sinne, und überzeugte ſich, daß ihm nichts fehle. Sie überdachte ſeine Lage. Wie ſehr ſein Vater auch in ſeinen Finanzen durch ſein Spiel zerrüttet ſein mochte ſo blieb ihm doch das Vermögen ſeiner Mutter, und mit einer Art ſtolzen Freude flüſterte ſie ihm in das Ohr: „Sei ruhig, mein Engel? Es ſoll Dir nichts abgehen!“ Und dankbar gedachte ſie zugleich ihres Vormundes, der ſie ver⸗ hindert wegzugeben, was ſie nun wie ihres Sohnes Ein⸗ kommen anſah.

Allein den Schluß dieſer ſüßen Unterhaltung mit dem Erſtgeborenen bildeten wieder die Worte des Großvaters, der ihn ein armes Kind genannt, und damit kehrte ihre innere Unruhe, die Bedeutung dieſer Worte zu kennen, zurück.—

Sie bemerkte, daß jetzt häufig Briefe von Berlin an⸗ kamen, und eines Tages fiel ihr ein Couvert in die Hände,