Teil eines Werkes 
1. Theil (1864)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

27

Man ſetzte ſich an den Tiſch, Frau von Gasmund ſprach ein Morgengebet, und darauf las Ellena ein Capi⸗ tel aus den Stunden der Andacht vor. Thorilde hielt da⸗ bei das Auge feſt auf den gefalteten Händen. Als der Vortrag zu Ende war, trug der Diener das zweite Früh⸗ ſtück auf; nach dieſem wurde eine Promenade unternom⸗ men und einige Morgenviſiten abgeſtattet. Trotz ihrer auf⸗ geregten Gemüthsſtimmung wollte Frau von Gasmund in dieſem gewohnten Kreislauf ihres Tagewerkes keine Unterbrechung eintreten laſſen. Thorilde ſollte ſich nicht ſelbſt überlaſſen ſein, nicht ihren eigenen Gedanken nach⸗ hängen können. So ſchwer es ihr auch ward, heute ihren Bekannten mit Alltagsphraſen entgegen zu treten; ſo mußte das Schwer vollbracht werden.

Und es ward vollbracht.

Wer hätte es dem feinen, freundlichen Lächeln, womit ſie grüßte, wer dem theilnahmvollen Tone, womit ſie ſagte:„Wie geht es mit Ihrer Geſundheit, liebe Gräfin?“ wohl angemerkt, daß ihr Herz ſchwer beladen war!

Die Phraſe iſt erfunden zum Verhehlen der Gedan⸗ ken, ſie benutzte ſie dieſem Zwecke entſprechend.

Auch die beiden Mädchen lächelten und ſprachen; ohne daß ihr Herz in ihren Wortn ſich verrieth.

Stunde nach Stunde verging, bis auf dieſe Weiſe drei Uhr, die jetzt in der vornehmen Welt Berlin's übliche Eßſtunde, ſchlug,