Vierte Novelle. 33
möchte, ſo beabſichtige ich, Euch uͤberdies noch eine von einem Probſte zu erzählen, der, trotz allem in der Welt verlangte, daß eine edle Frau ihm wohl⸗ wollen ſollte, ſie ſelbſt moͤchte wollen oder nicht. Dieſe aber, eine ſehr kluge Frau, vehandelte ihn, wie er es verdiente.
Wie Jede von Euch weiß, war Fieſole, deſſen Hoͤhen wir von hier ſehen konnen, einſt eine ſehr alte und große Stadt, und mag ſie auch heute gleich ganz zerſtört ſeyn, ſo hat ſie doch nie aufgehoͤrt, einen Biſchof zu haben, wie ſie ihn denn auch noch jetzt hat. Hier beſaß nahe an der großen Kirche eine edle Wittwe, Namens Monna Piccarda, eine kleine Be⸗ ſitzung mit einem nicht ſehr großen Hauſe; und weil ſie eben keine Frau in den beſten umſtaͤnden war, ſo wohnte ſie daſelbſt den groͤßten Theil des Jahres, und zwar zugleich mit zweien ihrer Bruͤder, einem paar ganz tuͤchtigen und artigen jungen Mäaͤnnern.
Nun begab es ſich, daß, da dieſe Frau, welche noch ganz jung, ſchoön und angenehm war, ſich zu eben dieſer Kirche hielt, der Probſt dieſer Kirche ſich ſo mäͤchtig in ſie verliebte, daß er vor Liebe ganz blind war. Nach einiger Zeit war er ſo dreiſt, daß er ſeinen Wunſch der Dame ſelbſt geſtand, und ſie bat, ſie moͤchte ſeine Liebe annehmen, und ihn wie⸗ der lieben, ſo wie er ſie liebte.⸗
Dieſer Probſt war zwar den Jahren nach ſchon alt, aber noch von ſo jugendlichem Sinne, ſo keck und ſtolz, von ſo hohen Dingen von ſich eingenom⸗ men, uͤber ſeine Sitten und Gewohnheiten ſo voll
Boccaccio's ſämmtl. W. 6. 3


