Achte Novelle. 9
chem Hauſe ſie wohnte, fing er an, nach Sitte ver⸗ liebter junger Maͤnner, bei ihr voruͤber zu gehen, in dem Glauben, daß ſie ihn eben ſo wenig vergeſſen haben wuͤrde, als er ſie. Aber die Sache verhielt ſich ganz anders. Sie erinnerte ſich ſeiner nicht an⸗ ders, als wenn ſie ihn nie geſehen haͤtte, und wenn ſie ſich auch ja noch an etwas erinnerte, ſo zeigte ſie wenigſtens ganz das Gegentheil. Der junge Mann merkte das in ſehr kurzer Zeit, und nicht ohne ſeinen groͤßten Schmerz; indeſſen that er doch alles, was er nur konnte, um ihr wieder ins Gedaͤchtniß zuruͤckzukehren; allein da ihm alles nichts zu helfen ſchien, entſchloß er ſich, wenn er auch des Todes daruͤber ſeyn ſollte, ſelbſt mit ihr zu ſprechen. Er erkundigte ſich eines Abends, als ſie mit ihrem Manne bei ihren Nachbarn die Nacht zuſammen auf⸗ bleiben wollte, bei einem Nachbar nach der Be⸗ ſchaffenheit ihres Hauſes, ſchlich ſich ganz im Ver⸗ vorgenen hinein, und verſteckte ſich in ihrer Kam⸗ mer hinter der Zeltleinewand, welche daſelbſt ausge⸗ ſpannt war; hier wartete er ſo lange, bis ſie zu⸗ ruͤckgekommen, ſich zu Bett gelegt hatte, und er merkte, daß der Mann eingeſchlafen war. Dann ging er dahin, wo er geſehen, daß Salveſtra ſich niedergelegt hatte; und nachdem er ihr ſeine Hand auf die Bruſt gedruͤckt, ſagte er ganz leiſe:
O meine Seele, ſchlaͤfſt Du ſchon?
Die junge Frau, die noch nicht ſchlief, wollte ſchreien, aber der junge Mann ſagte ſchnell zu ihr:


