Teil eines Werkes 
2. Bdchn. (1828)
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NM 6*

Siebente Novelle. 25

fuͤr Irrthuͤmer doch der menſchliche Verſtand ver⸗ fallen könnte; dann dachte er zuerſt an ſeine Bruͤder, die einen Fremden ſtatt ſeiner beklagt und begraben haͤtten, und nachher an den auf falſchen Verdacht unſchuldig Angeklagten, der durch unwahre Beweiſe dahin gebracht worden ware, daß er ſterben ſollte, und uͤber alles dies an die blinde Strenge der Ge⸗ ſetze und deren Vollſtrecker, welche oftmals als ſorg⸗ faͤltige Erforſcher des Wahren, grattſam werden, das Falſche beweiſen laſſen, und ſich Diener der Gerechtigkeit und Gottes ſelbſt nennen, da ſie doch Vollſtrecker der Ungerechtigkeit und des Teufels ſind. Hierauf wandte er ſeine Gedanken auf Al⸗ dobrandino's Befreiung, und erwog, was er yierbei zu thun habe.

Als er nun den Morgen aufgeſtanden war, ließ er ſeinen Bedienten zuruͤck und ging, ſobald es ihm Zeit zu ſeyn duͤnkte, allein nach dem Hauſe ſeiner Geliebten; zum Gluͤck fand er die Thuͤre offen; er trat daher hinein, und ſah ſeine Geliebte in einem Saale im Erdgeſchoß am Boden ſitzen, in Thraͤnen und Kummer zerfließend. Aus Mitleiden weinte auch er, und ſagte dann, ſich naͤhernd, zu ihr:

Madame, bekuͤmmern Sie ſich nicht, Ihre Ruhe iſt nahe.

Sobald die Dame dies hoͤrte, hob ſie das Ge⸗ ſicht in die Hoͤhe und ſagte mit Thraͤnen: Guter Mann, Du ſcheinſt mir ein fremder Pilger zu ſeyn, was weißt Du von meiner Ruhe, oder von meinem Kummer?