Sechſte Novelle. 15 Du— o, ich Elende! fuͤr wen habe ich ſeit ſo vielen Jahren her ſolche Liebe gehegt! Für dieſen Treuvergeſſenen, der, eine fremde Frau im Arm zu haben glaubend, mir mehr Liebkoſungen und Liebesbezeigungen in dieſer kurzen Zeit, in welcher ich hier mit ihm zuſammen geweſen bin, gemacht hat, als die uͤbrige ganze Zeit, daß ich die Seinige bin. Heute haſt Du Dich, Verruchter, ſo kraͤftig erwieſen, da Du Dich zu Hauſe ſo ſchwach, ſo er⸗ ſchoͤpft und ſo kraftlos zu zeigen pflegſt. Aber, gottlob! daß Du Dein eigen Feld, und nicht, wie Du glaubteſt, ein fremdes, bearbeitet haſt. Kein Wunder, daß Du Dich die vergangene Nacht mir gar nicht genaͤhert haſt; Du hoffteſt Dich der Laſt anderwaͤrts zu entledigen, und wollteſt als ein ganz friſcher Ritter in die Schlacht treten. Aber Gott ſey gelobt, durch meine Vorſicht iſt das Waſſer da hinab⸗ gelaufen, wohin es ſollte. Warum antworteſt Du nicht, ſchlechter Mann? warum ſprichſt Du auch nicht ein Wort? biſt Du ſtumm geworden, nachdem Du mich gehoͤrt haſt? Bei Gott, ich weiß nicht, warum ich mich noch halte, warum ich nicht mit beiden Haͤnden Dir nach den Augen fahre, und ſie Dir ausreiße. Du glaubteſt dieſe Verraͤtherei ganz verborgen auszuuͤben; aber, Gott ſey Dank, was ein Anderer weiß, weiß ich auch: diesmal iſt es Dir nicht gelungen; ich habe beſſere Spuͤrhunde am Schnurchen gehabt, als Du glaubſt. Richard freute ſich im Geiſt uͤber dieſe Worte, und ohne zu antworten umarmte und kuͤßte er ſie,
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