Teil eines Werkes 
16 (1844)
Entstehung
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zog ich das Leinen auseinander und ſank im höch⸗ ſten Schrecken in die Kniee. Das weite, feine, entfaltete Tuch barg ein gar abſonderliches Strandgut, denn vom Mondlicht beleuchtet lag ein weißes Kindlein darin, zart wie eine Blüthe am Baume, ſchlafend oder todt, das blieb im Zweifel, denn das Kleine rührte ſich nicht, und der furchtloſe Schütz des Monk wagte nicht, die Hand darnach auszuſtrecken. Aber der Bab war kecker als ich, denn kaum hatte auch er einen ſtarren Blick auf den Fund geworfen, ſo rief er in kindiſcher Freude: Vater Nykin, die Meerhexe hat ihre gute Stunde gehabt und unſer Unglück in ein Doppelglück verwandelt. Der Bock iſt für uns, das Engelchen da aber für Mutter Paddy, die ſich gar oft ſo ein Spielding gewünſcht. Welche Wahl blieb mir? Das verlaſſene Geſchöpf, deſſen Eltern wir vom Meere verſchlungen glaubten, liegen zu laſſen, wäre ja unchriſtlich geweſen; ſo hob ich es vorſichtig vom Boden, hüllte es wiederum in das Leinentuch und den bunten Teppich, und legte es in den Gärtnerkorb, den der Bab getragen.

Der mitleidige Burſch jubelte über ſeine Ladung, doch als ich jetzt Anſtalt machte, den Schafbock auf meinen Nacken zu nehmen, ſah ich den Bab ſtolpern. Ein Käſichen lag unter ſeinen Füßen, ein beſchmutztes Papier daneben, und Beides ward geborgen und machte die Heimreiſe mit, verſetzte uns aber bei dem Lampen⸗ lichte in unſerer Hütte mehr in Grimm als Erſtaunen. Herr, nicht Sturm und Meer hatten die Schlucht zu einem Unglücksplatze gemacht, nein, ein Bubenſtück, ein ſchändlich Verbrechen war an dem grauenvollen Orte begangen, das Herz eines grauſamen Wolfs hatte ſich

in eine Menſchenbruſt verirrt, denn das Kind war boͤs⸗