Teil eines Werkes 
16 (1844)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

16

ſchloſſen löſchte er das Licht, zog den Degen und ver⸗ barg ſich hinter der halb offenen Thüre. Wirklich nä⸗ herten ſich leichte, langſame Tritte, und es ſtieg weiß herauf an der Wendeltreppe: eine weibliche Geſtalt machte Halt vor dem offenen Gemach und ſchaute eine Minute lang ſtarr hinein. Der Mond ſtand dem Fen⸗ ſter gegenüber und ſchoß ſeine Strahlen gerade in das Antlitz der nächtigen Wanderin. Nein, Melac konnte ſich nicht täuſchen: es war Aurora; die üppige Geſtalt in dem dünnen Nachtgewand war die ihrige; die gro⸗ ßen, runden Augen unter den dichten Augenbrauen, die wie träumend in das Mondlicht gafften, gehörten ihr; aber ihr Geſicht ſchien aus Marmor gehauen und trug die Farbe einer bleichen Statue. Der Ritter ſtand un⸗ entſchloſſen in ſeinem Verſteck und kam zu keinem Ent⸗ ſchluſſe. Jetzt, in dieſer Stunde ihr zu begegnen⸗ konnte ihm nicht angenehm ſeyn, denn die Stimme ſeines Her⸗ zens, das in Hoffnung auf ein Wiederſehen der lieben Klara ihn hierhergezogen, nannte es eine Schändlichkeit, den ſündhaften Roman mit Klara's böſeſter Nebenbuh⸗ lerin in den erſten Stunden wiederum anzuſpinnen und ſich der ſtillen Jungfrau auf's Neue unwürdig zu ma⸗ chen. Wohl wallte ſein Blut einen Augenblick auf, denn Aurora's Geſtalt war reizend, verlockend wie einſt, aber ein Blick in ihr Geſicht tauchte die Wallung in Eis. Er hatte unter ſeinen Bekannten einen Nachtwandler geſe⸗ hen, und Aurora's Erſcheinung mahnte ihn an jenes Bild geſpenſtiſchen Lebens; ſie war ſicherlich die Kranke im Schloſſe, dieſes nächtliche Umgehen war ihre Krank⸗ heit, war vielleicht eine Buße, vom Himmel geſandt für früheren Mißbrauch der heiligen Mitternacht; wenn er jetzt hervortrat, wenn er ſie anrief, der Name ſie weckte,

6+