Teil eines Werkes 
16 (1844)
Entstehung
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von Eſenheim ſtand auf der Spitze des Mannesalters, doch war er geſund und kräftig: die Natur erſetzte, was ſie an geiſtigen Schätzen verſagt, durch eine unzerſtör⸗ pare Conſtitution des Leibes, und der faſt ſechszigiährige Nimrod durfte ſich allen Lebensgenüſſen ungeſtraft hin⸗ geben, und er verſchmähte keinen derſelben, der ſich ihm in ſeiner freiwilligen Verbannung darbot.

Als etwas Neues zog der Chevalier in den erſten Tagen des Schloßherrn Theilnahme an, aber ſchnell ging ſie in Rauch auf, da der Pariſer Junker ſich ſo wenig als ein Meiſter auf der Jagd, noch als ein Wein⸗ kenner bewies, und ſeine Erzählungen von dem neuen Garten zu Verſailles, Le Notre's Meiſterſtück, von Lul⸗ ly's, des neuen Orpheus, Zaubertönen, von den Feen⸗ feſten der Maintenon und Montespan, oder gar ſeine Geſpräche über Fenelons Telemach und Moliére's Tar⸗ tuffe und Vaubans neuen Feſtungsbau Herrn von Eſen⸗ heim bis auf den Tod langweilen mußten.

Deſto willkommener wurden jedoch dieſe Berichte aus einer neuen Welt den übrigen Burgbewohnern. Die Edel⸗ frau war eine zarte Dame, die, im ſcharfen Contraſt mit dem Gemahl, von der Natur einen ſo feinen Kör⸗ per erhalten, daß die Seele allenthalben durch die Haut, die an Farbe und Durchſichtigkeit dem Porzellan gleich, hervorleuchtete. Wie der arme Schmetterling, den eine frühe trügeriſche Sonne aus der Puppe gelockt und den der wieder einbrechende Nachtfroſt tödtet, ſo ward ſie aufgerieben durch den unauflöslichen Bund mit dem materiellen Gemahl, und, ein Bild der langſamen Auf⸗ löſung, ſaß ſie, lilienweiß und ſtill duldend, unter ihren Kindern in ſtummer Ergebung, die nur durch den Blick auf das freundliche Dreiblatt der Lieblinge geſtört wurde,