Teil eines Werkes 
15 (1843)
Einzelbild herunterladen

22

Lev aus dem Thale ſeinen Falkenblick hinauf hob zum Gebirge, konnte er die Spitze der Gletſcher durch die Schlucht der Bergſtraße frei und vom Abendſtrahl ver⸗ goldet erblicken und die Geier erkennen, welche große Kreiſe um die Eiskuppel zogen, wie um die Gegend, klugen Burgmännern gleich, zu recognosciren, ehe ſie zu ihrem Geniſt ſich hinabließen.

Morgen müſſen wir hinaus, müſſen hinauf morgen, die Silberbahn hinan, hinein in den Palaſt von Kryſtall, wo ein friſcher Athemzug die ganze Winterqual wegſpült aus der Bruſt! rief Lev mit ſehnſüchtigem Entzücken und einem Antlitz voll Kinderfreude. O es iſt mir, als könnte ich nur da oben dem Herrgott ſo recht brünſtig, und wie es ſeyn muß, danken für all' die Gnade, die er mir er⸗ wieſen, und daß er mich nicht ſtrafte für mein ſündiges Vergeſſen, und daß ich die Mutter noch am Leben fand und in ihr Alter vielleicht einige Freudenſtunden zu flech⸗ ten vermag, und daß mir der einzige Bruder geſund zur Seite ſteht. O Andreas, richte Alles vor, denn mit Sonnenaufgang muß ich dort oben wie ein Siegesheld mein Banner aufpflanzen.

Andreas nickte, und auch ihn ſchien die Idee des er⸗ ſten Bergganges freudig erregt zu haben, denn ſein ge⸗ bräuntes Antlitz röthete ſich tief unter dem zottigen Barte. Er ging und blieb einige Stunden unſichtbar, und erſt nachdem Leo mit der Mutter das Abendbrod genommen und ſie zur Ruh' gebracht, und auf der eigenen Kammer bereits ſich halb entkleidet, trat der Bruder ein, zwei Wanderſtangen und ein gefülltes Ränzlein und ein Paar Korbflaſchen, welche in Riemen hingen, tragend und ſorgſam im Winkel niederlegend.

Leo, der im Hemde und Unterkleidern ſich bereits