Teil eines Werkes 
14 (1843)
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Die Tampr.

Jetzt trat ich um einen der vielen buſchigten Hügel, und dort lag das traute Dörfchen im Abendlichte. Schwarz erhob ſich die Thurmſpitze, und hundert kleine Lichterchen flammten einladend an ſeinem Grunde. Ich ſtand ſtill; unwillkürlich riß ich den Hut von der Stirne, bog meine Kniee und hob beide Hände auf.

Dank dir, du Waltender über den Sternen, rief ich, daß ich finden werde, was ich verließ: eben ſo freund⸗ lich die liebliche Heimath, eben ſo glühend die Heimath meiner Liebe, der Lieblingin Herz!

Ich ſtand auf, kräftiger, ſtärker als zuvor. Mein Auge ſchied die kleinen ſchwarzen Dächer, ſchied die flimmernden Lichter. Ich konnte nicht fehlen: das war ihre Wohnung, und das Lichtchen da flammte in ihrem Fenſter.

Heller als alle übrigen ſchien mir jetzt dieß flimmernde Licht. Ich dachte mir die kleine, blanke Lampe, von Sina's ſorgſamer Hand geputzt, von der dieſer Strahl ausging, der mir ſo wohl that, der es ſo hell werden ließ in meiner Seele.

Die Abende traten mir wieder vor den Blick, wo ich an ihrer Seite der Lampe gegenüber ſaß, ihr vorlas, bis dann ihre Näherei ihr in den Schooß, mein Buch auf den Tiſch ſank, unſere Finger ſich verſchlangen, ich an ihre Lippen, an ihre Bruſt fiel, lange wir ſo ver⸗ ſchlungen lagen, bis der verſinkende Dacht der Lampe uns vom ſüßen Taumel aufrief.

Was durfteſt du, glückliches Lämpchen, nicht Alles belauſchen! Meine Phantaſie, durch Entbehren heftiger, wilder, verwegener geworden, berauſchte ſich in ſüßen Spielen.