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neuer Beruhigungsgrund ſey Ihnen das, was ich Ihnen jetzt ſage. Ich bin der Verlobte eines guten, liebens⸗ werthen Mädchens, und im Stande der Verlobung pflegt man doch noch beſſer von Treue zu denken als nach dem Hochzeitstage! Ihre Margarethe iſt mir eine angenehme Unterhaltung, und ich bitte Sie darum, mir dieſe nicht zu nehmen!
Der Alte war Alles zufrieden, und ich dachte nun darauf, das mir Angenehme dem Mädchen nützlich zu machen.
Ich will mich anbauen in ihrem Herzen, ſagte ich zu mir ſelbſt, auf eine Weiſe, die mich ihr werth macht, vie ihre Phantaſie aber nicht mit verderblichen Bildern füllt, ihre Triebe nicht frühzeitig weckt und ſie früher welken macht.
Ich begann nun Lehrſtunden mit dem lieblichen Mäd⸗ chen und ließ ſie ſchreiben und leſen, worin ſie ſchon mehr Fertigkeit beſaß, als ſonſt Mädchen ihres Standes zu haben pflegen. Ich ließ ſie aber nicht abſchreiben, ſondern ihre Empfindungen auf das Papier tragen; ließ ſie nicht bloß Worte nachſprechen, ſondern lehrte ſie verſtehen, was ſie las. Ich unterrichtete ſie nach Noten zu ſingen, da ihr Stimmchen ſehr melodiſch war; ich unterwies ſie im Zeichnen, und alles Das trieb ſie mit ſolchem Eifer, und es entwickelten ſich unter meinen Au⸗ gen ihre Talente ſo ſchnell, daß mir die Tage hineilten wie auf Sturmesflügeln und ich nicht daran dachte, daß ich ein Gefangener war, als wenn mich die freundliche Sonne an das Fenſter lockte und mein Auge auf die Mauern und das furchtbare Geſchütz fiel, oder wenn ich in der Dämmerung im Lehnſtuhle ruhte, auf meiner Flöte phantaſirte und Sina's lächelnde Geſtalt neben mir vermißte.


