Teil eines Werkes 
14 (1843)
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Beſorgung übernommen hatte, fragte oft nach meiner Unruhe.

Endlich ſank die Sonne den Bergen zu und Mar⸗ garetha trat mit dem Briefe in der Hand in mein Stüb⸗ chen. Freudig, zitternd, wortlos nahm ich das freund⸗ liche Päckchen aus ihren Fingern, drückte heiß meine Lippen auf das Siegel, ſchlang dann raſch den Arm um den Nacken der Ueberbringerin und zwei, drei, vier Küſſe trafen ihre Lippen.

Staunend ſah mich das Mähchen an. Von wem iſt denn der Brief? fragte ſie dann neugierig.

Von meiner Sina! rief ich laut und im Accente ho⸗ her Freude, legte den Brief unerbrochen auf den Tiſch, ſetzte mich vor ihn hin, und las die zierliche Aufſchrift wieder und wieder.

Von Ihrer Sina! lallte Margarethe nach, ſenkte das helle Auge betrübt zu Boden, und ſchlich zur Thüre hinaus.

Erſt nach einer Viertelſtunde erbrach ich den Brief, und nun wurde er nicht geleſen, ſondern verſchlungen, denn erſt beim dritten Durchleſen fand ich Sina in den Zeilen; vorher hatte ich nichts geſehen als Züge, die Sina für mich gemalt hatte. Sie ſchrieb unter Anderm:

Der Schmerz einer Geſpielin iſt mir der beſte, zu⸗ reichendſte Troſt geworden. Du kennſt, mein Goldo, die ſorgenfreie, launige, lachende Dorette. Aus dem lachenden Mädchen iſt ein Bild der tiefſten Trauer ge⸗ worden. Ihr Ludwig ward geſtern von den ſchwarzen Männern zum Kirchhofe getragen. Ich ſah ſie an der offenen Gruft knien; ſie weinte nicht, aber ihre ſtarren Augen, ihre weiße Wange machten mich bänger, als hätte ich ihr lautes Weinen gehört. Grabt mich mit ein!