Teil eines Werkes 
14 (1843)
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Kannſt Du auch böſe ſeyn? fragte ich, und nahm ihr weißes Händchen, das ſie durch das Gitter geſteckt hatte.

O ja wohl, recht, recht böſe! verſicherte ſie. Aber nur nicht lange, und Ihnen gar nicht! Ich möchte wohl begann ſie darauf, und brach verlegen, ihre Hand zurückziehend, ab.

Was möchteſt Du, liebes Mädchen? fragte ich ſanft.

Die Nacht iſt ſo kalt, ſagte ſie leiſe, aber doch drei⸗ ſter, und die Schildwache könnte mich hier am Fenſter ſehen und es dem Vater ſagen.

Du ſollteſt aber nichts thun, was der Vater verbot! fiel ich ein.

Das Böſe ſoll man nicht thun, ſagte ſie haſtig, und unſer Paſtor lehrte uns, wenn wir Böſes thun wollten, ſo würde uns ſtets vorher in der Bruſt eng und weh. Und das iſt mir jetzt doch nicht. Der Vater verbietet aber viel, was nichts Böſes iſt, und darum gehorche ich auch nicht immer.

Ich lächelte über des Mädchens Philoſophie. Gern plau⸗ derte ich noch ein wenig mit Ihnen, fuhr ſie dann ſchüch⸗ tern fort, aber hier am Gitter darf ich hereinkommen?

Warum nicht? erwiederte ich, und fröhlich ſprang ſie vom Fenſter.

Bald öffnete ſich leiſe die ſchwere Thüre und ſie trat mit ſcheuem Auge und hochrothen Wangen herein. Ich nahm ihre Hand und hieß ſie ſich ſetzen. Verlegen lie⸗ fen ihre großen hellen Augen im Zimmer herum, und ich nahm die Flöte, um ſie nach und nach der Verlegen⸗ heit zu entziehen, und blies.

Aufmerkſam hörte ſie zu, ſtarrte dabei freundlich mir in's Auge, immer freundlicher, bis ihre Aengſtlichkeit ganz verwiſcht war. Sie war aufgeſtanden und hatte

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