Teil eines Werkes 
14 (1843)
Einzelbild herunterladen

15 er dann: Ja, ich beſinne mich; im ſtillen Gemach der mütterlichen Königin war es zum oͤftern ſo, die Nähe der hochherzigen Adelaide wirkte ſolch Wunder an mir.

Aber die Königin ſah Euch nie allein, fiel Abelard mit Haſt ein und drückte die Hand des Jünglings feſt; die holde Conſtantia, das ſchönſte Kind Frankreichs, der Stern von Paris, ſie war immer zugegen. Jüngling, lüge mir nicht; oder gibt es wirklich männliche Jung⸗ fräulichkeit in jenen nordiſchen Ländern, und wußteſt Du nicht, daß Du liebſt und, wie die Neider Deines Glückes längſt es ausſprachen, geliebt wirſt von dem zarteſten und ſchönſten Mägdlein dieſes Königreichs?

Wie vom Wetterſtrahl wirklich getroffen wurden die Glieder des ſchoͤnen Jünglings erſchüttert, alle Farbe wich aus ſeinem Geſicht, mit ſtarren Augen ſah er einen Augenblick auf Abelard, als ſähe er ein mitternächtig Geſpenſt in ihm, dann ſchoßen helle Thränen aus ſeinen Augen und mit einem Angſtlaut warf er ſich an des Lehrers Bruſt.

Ein Mann und Thränen? Ein Mann von Deinem Werth, Deinem Anſpruch, und zagen, wenn er die Perle fand, um welche Tauſende vor ihm ſich in den Tod ſtürzten, und Tauſende nach ihm Gut, Leben und ſelbſt die Ehre hinwerfen werden? fragte Abelard betroffen.

Fort muß ich, ſtammelte Heinrich, aus des Freundes Arm erſchöpft in einen Seſſel gleitend, ich fühl's, ich muß. So laßt mich mein Geſicht verhüllen in des Man⸗ tels Saum, ehrwürdiger Herr, ſchauet mich nicht an, wenn ich jetzt ſcheide für immer o für immer! Ja, Ihr ſpracht Wahrheit, ich fühle es, höre es, ſehe es und zergehe in Scham, ſeit Ihr mein Herz mir aus der Bruſt genommen, und das befleckte vor mir hingelegt.

2