477
nöthig und was ihm hier ſo eben aus dem Brufttäſch⸗ chen entfiel.
Laß ſehen, entgegnete raſch die feine Brabanterin. Ach! wie lieb geſtickt! Gewiß von der Geliebten. Und Du haſt den Schmutzfleck noch größer gewiſcht. Komm herein, da ſoll meine fertige Hand helfen und Dir des Herrn Schelten erſparen. Komm, ich habe ein Viertel⸗ ſtündchen Plauderzeit, und dabei wollen wir durchſehen, was im Büchelchen verborgen iſt: gibt's doch kein größer Plaiſir, als der Herrſchaft Geheimniß auszuſpähen, aber in Ehren, Niemands erfährt's, denn wir Beide ſind kluge und treue Domeſtiken.
Der deutſche Tropf folgte treuherzig der verſchmitz⸗ ten Iris auf das ſichere Bedientenzimmer, und indem er, das runde Dirnchen im Schoß, lüſtern von ihrem Nacken Küſſe ſtahl, entwendete die abgerichtete Spionin der Brieftaſche einen Schatz, an welchem die Glückſelig⸗ keit mehrerer Weſen hing, und machte ſich hoch bezahlt für die Gunſt, die ſie dem Unwürdigſten hingab.
Mit Staunen und Erſchrecken empfing die Baronin das verhängnißvolle Blatt. So leicht hatte ſie ſich das Spiel nicht gedacht, ſolche Freundſchaft, ſolche Unter⸗ ſtützung hatte ſie vom Schickſale nicht erwartet. Sie hielt jetzt mächtig den Zügel in den Händen, an ihr war's, über alle Hauptperſonen dieſes Hofes den Rich⸗ terſpruch zu vollziehen. Aber dieſe Sicherheit machte ihr Bedenken. Seit jenem Jagdmorgen waren alle ihre früheren beſcheidenen Hoffnungen zu einer ſtolzen Son⸗ nenwende geworden, die alle ihre Kelche dem irdiſchen Helios zuwendete. Konnte ſie nicht Fürſtin werden dem Namen nach, konnte ſie doch es ſein dem Gehalt nach, konnte als erſte Dame des Landes regieren. Der Brief


