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zeigte den geraden Pfad zum hohen Ziele. Behielt ſie ihn, ließ ſie die Flucht geſchehen, ſo wälzte ſich der größte Stein in ihrem Wege von ſelbſt aus der Straße und machte Platz; aber dann war Verſöhnung möglich, und wo blieb dann die Rache an dem ſchändlichen Schwätzer und Ehrenſchänder? Und dieſer Kunigſteen hatte ſie ei⸗ ner Andern geopfert ohne Zartgefühl und Mitleid, einer Andern, hieß ſie Ulrike oder Sophie. Ein Blick in den Spiegel, da flog des Zornes Gluth auf, und der Brief ward abgeſchickt.
Mit dem kommenden Abende ſtieg auch die Fackel der Nacht, der goldene Mond, am Himmel auf, und leuchtete wie ſtiller Freundesblick über den verlaſſenen Feldern und durch die geräuſchvollen Straßen der Stadt. Der reine Nachthimmel hing über den koloſſalen Maſſen des Re⸗ ſidenzſchloſſes wie ein ſeidener Baldachin über einem marmornen Königsſtuhle; Frieden hauchte der Athem der Natur, doch unten herrſchte der Krieg und die Zwie⸗ tracht, weil dort Menſchen wohnten, welche der Leiden⸗ ſchaft unterthänig waren.
Ganz angekleidet wie zur Feldſchlacht, im ledernen Koller ſeiner Gardereiter und den ſchwerbeſpornten Stie⸗ feln, ging Prinz Ludwig durch die Reihen ſeiner Zim⸗ mer auf und nieder. Der Federhut lag auf dem Tiſche im Kabinet, daneben Piſtolen und Sarras, und dazwi⸗ ſchen wie ein ſchüchterner Schäferknabe, der unter rohe Kriegsrotten gerieth, das Seidenpapier, auf welches der Prinzeſſin unvorſichtige Hand jenen ſ elbſtmörderiſchen Brief geſchrieben hatte. Der Fürſt ſchritt mit untergeſchla⸗ genen Armen umher, aber dieſe Stellung, dieſe Arm⸗


