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wiſſenſchaftlichen oder politiſchen Angelegenheiten das ſtille Schloß betrat, in deſſen langen Gängen die Höf⸗ linge hin und wieder ſchlichen, als wären ſie verrathen, und nicht wußten, was ſie denken oder wo ſie Partei nehmen müßten, welches der betrübteſte Zuſtand ſolcher weiſen und vorſichtigen Menſchen ſein ſoll.
Prinz Ludwig ſchwankte und erwartete ein Zeichen vom Himmel zur Leitung, denn ein inneres Rechtgefühl ſprach gegen das, wozu ihn Leidenſchaft und ihre Sehn⸗ ſucht anſpornte. Die Baronin hatte ihre Zofe zur Ver⸗ trauten gemacht, da ſie wußte, daß Kunigſteens Jäger dieſer nachging. Unſtät durchlief ſie ihre Prachtzimmer, ihre Blumengärten; man ſah ihrem Geſicht, wo flüch⸗ tige Röthe die Bläſſe verjagte und dann wieder kalter Schnee über die Roſenbeete legte, es an, wie es kämpfte tief darunter im wogenden Buſen, und wie die Nei⸗ gung für den ſchönſten Mann, wie die Erinnerung an
jenen hoffnungsreichen Abend noch ſtets als Anwalt
gegen den klagenden Haß, gegen den beredenden Ehr⸗ geiz einſprach.
Der Graf war der einzige, der nit leichtem Sinne die alten Wege betrat und dem Herrn der Welten die Entwickelung ſolcher Menſchenknäule überließ. Konnte er auch des Prinzen unfreundſchaftliche Verrätherei, die dem Zartgefühl gegen die Dame wie der Humanität
widerſprach, auf irgend eine Weiſe ahnen? Da rief
ihn ein Bote zu dem Zimmer des Fräuleins Ulrike von Tondern.
Die blonde Dame ſaß mit Augen, denen man die Thränen anſah, welche reichlich gefloſſen waren, im
Nachtkleide auf dem Sopha, geſiegelte Briefe lagen vor ihr auf dem Arbeitstiſchchen, auf Stühlen und Tabourets
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