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das weiche Scheitelhaar des Knaben. Auch Deine Zeit wird kommen mit ihrem Ernſt und Dich fordern. Ge⸗ duld bis da, lieb Franzel.—
Schau nur die Zeichen an der Wand, entgegnete der Knabe; ſeit zweien Monden iſt ein neuer Strich hinzu⸗ gekommen, und eines Fingers Breite über den letzten, den Du ſelber gemalt.— Lang ſich dehnend und die Ferſen heimlich hebend, ſtellte er ſich unter das Maß.
Und Du, Agnes, wandte ſich der Pfleger zu der Jungfrau. Lockt das fröhliche Gepappel des Franzels kein Lächeln auf Deinen Mund? Immer noch in dem triſten, dunkeln Gewande? Du darfſt immerhin das rothe Leibel und das blaue Röckle wieder hervorſuchen, denn ein Jahr iſt lang herum, ſeit der Seppel einen guten Tod auf dem Iſel gefunden, und es muß Dich der Gedanke tröſten, daß er einen Schützentod ſtarb für ſeinen Kaiſer und ſein Tirol, und nicht ſo jämmerlich zum Sündentode geſchleppt worden wie ſein Hauptmann, d bärtige Sandwirth.—
ie Jungfrau ſeufzte tief und ſprach mit geſenkten Augen: Laßt mir dieſes Kleid, edler Herr! Ich meine, es ſtände mir wohl an, bis auch ich zu Väterle und Mütterle gerufen werde.—
Der Pfleger nahm ihre beiden Hände und ſchüttelte ſie derb und treuherzig. Diendl, ſagte er, Du biſt das ſchmuckſte und geſcheitſte Weibſen im ganzen Oetzthal; es wäre eine Schand, müßteſt Du verkümmern ohne Heil und Nutz um eines Schickſals willen, das ſchon Manche betroffen unter uns. Ich weiß es recht wohl, Du grämſt Dich um——
Sprecht nicht davon, Herr! fiel ihm haſtig und ſchmerz⸗ lich das Mädchen ins Wort. Laßt das Begrabene liegen


