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fenden Klippen hinunter, welche ihnen eine Bahn zu den Menſchen, zu den Freunden darboten.
Zum zweiten Male hatte ſeitdem die Erde ihren Lauf
um die Sonne gethan, zum zweiten Male hatte der Winter mit ſeinen weichen Feierkleidern Alme, Matte und Wald verhüllt, und das Thal an Farbe dem Hoch⸗ gebirge und den Fernern gleich gemacht, da trat um Mittag ein ältlicher Mann in das Haus der Silzſteiner. Es war der Pfleger Veit Marberger, den alle Oetzthaler ihren Vater nannten, und wer dem kräftigen Greiſe nur einmal in das gutmüthige Auge geblickt, nur einmal ſeinen weißumlockten Apoſtelkopf betrachtet hatte, hegte keinen Zweifel, daß er jenen Ehrentitel verdiente.
Der Landpfleger ſchüttelte das leichte Schneegeflock auf der Flur von ſeinem mit Iltis verbrämten Pelze ſtäubte die Fuchsmütze ab, und trat ohne Anmeldi in das Wohngemach. n
Ein ſchlanker, hübſcher Knabe ſprang ihm ſchog in der Thür entgegen, und eine Jungfrau, blaß, aber dennoch ſchön wie eine ſtille Schneelandſchaft, erhob ſich von der Hausarbeit und reichte ihm die Hand zum Willkomm.
Glück zu, Herr Vormund! rief der Knabe. Aber wo iſt der Stutzen des Bruders Seppel? Verſpracheſt Du nicht, ihn mitzubringen, und mich zu unterweiſen in der Schühentunſt? Zch hab's ſait mit dem Bolzen zu 3 ſchießen; das Holz fliegt zu langſam, und meinet man den Spielhahn feſt gefaßt zu haben, huſch! ſitzt er auf einen andern Zweig, und falzet dem Bolzen zum Spott doppelt hochmüthig.—
Geduld, mein Büble, nickte der Alte und ſtreichelte
Blumenhagen. X. 32


