Teil eines Werkes 
10 (1843)
Entstehung
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nach dem Saume der weißen Ebene winken; dort aber ſtand ſchon ein rüſtiger Tiroler, die lange Steigerſtange in der Rechten, und half mit der kräftigen Linken dem ſchwarzbärtigen Italiener auf die Höhe, der, ſo wie ſein ſcharfes Auge die freie Ebene durchſchaut hatte, auch ſogleich nach der Gegend die Hand ausſtreckte, wo er die Opfer ſeiner Blutgier entdeckt.

Es iſt zu ſpät! rief der Fremde verzweifelnd, aber der Schütz hatte ſchon die Büchſe von der Schulter ge⸗ riſſen, lag im Eis auf dem Knie, zielte feſt, der Schuß brannte los, die Kugel pfiff über die Fläche, und zwanzig Echos ließen den Donner in vielfachen Tonarten wieder⸗ hallen.

Durch den Pulverrauch, der in der dünnen Luft ſich ſchnell vertheilte, ſahen ſie den Schwarzbärtigen ſtürzen, aber zugleich vernahmen die Flüchtlinge ein ſeltſames, ſchwirrendes Geräuſch hoch über ihnen in der Luft, das ihre Augen aufwärts zog.

Maria und Joſeph! ſtammelte der Schütz. Das iſt eine Lähne, und Gott ſchütze uns. Sehet Ihr's, wie die böſen Geiſter das Schneetuch rollen, und wie es dichter und gewaltiger wird mit jeder Minute, die es ſich von der Gletſcherſpitze entfernt. Der Schuß hat die Schnee⸗ haube gelöſet. Schon iſt's breit wie ein Kirchdach. Die Lähne rollt gegen das arme Dorf; unſere Feinde ſind hin, aber auch der ehrliche Nazel wird begraben werden ohne Rettung. Gott ſei den armen Seelen gnädig!

Ehe er noch ſeine ſchnell ausgeſtoßenen Angſtworte vollendet, erreichte die furchtbare Schneelawine den Fuß des Gletſchers und ftürzte ſich über den Eisrand der Fläche in das Thal hinunter. Die Zuſchauer hielten den Athem an in natürlicher Bangigkeit bei dem gefährlichen