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Aber warum griff Erichs Phantaſie ihr Bild auf? fragte der Bruder, wieder verdüſterter in Blick und Tone. Warum ſetzte er auf Deinen Leib ihren Kopf? Er hat ſich an Dich gedrängt, ſeit wir heim kamen aus der Fremde; er hat ſeine Freude gehabt, Dein Kumpan zu ſein auf jedem Feſte, das die Stadt dem Herzoge Ulrich, das die Stadt dem däniſchen Könige gab, als er zur Landesrettung gegen die Katholiſchen heranzog. Er hat Dich mit Liebe umſponnen, und mir die ſchöne Hoffnung geweckt, im Freunde den Schwager zu umarmen. Wer rechte Liebe im Herzen trägt, dem lebt nur das Bild der Erkorenen in Sinn und Seele, der möchte nur von ihr reden, nur ſchreiben von ihr, da nur ſie in allen ſeinen Gedanken waltet und die Königin aller ſeiner Träume iſt. Und nun gar der Künſtler! Warum findet ſich in Raphaels, in da Vinci's, in Giulio's weiblichen Himmelsgeſtalten, die wiederholte Aehnlichkeit? Und warum fehlt an Erichs Cäcilia Dein liebliches Angeſicht? Wie konnte er die tauſend feinen Pinſelſtriche an ein fremdes Antlitz verwenden, da Du in ſeiner Seele lebſt, und jeden Augenblick Dein Bild ihn irren mußte! Sieh, das iſt das Räthſel, was die Einſamkeit in meiner Werk⸗ ſtatt mir vorſprach, und mich beunruhigen wird, bis ich es gelöſet.—
Biſt Du eiferſüchtig auf ſein Bild, oder auf ihn ſelbſt? lächelte Antonia. Oder biſt gar eiferſüchtig an meiner Statt? Was mich quälen könnte, quält Dich gar ſelt⸗ ſam. Und die Löſung liegt dem klugen Manne doch ſo nahe, daß das einfältige Mädchen ſich faſt ſchämet, ſie auszuſprechen. Liebt Dich der treue Erich denn nicht wie ein leiblicher Bruder? Hat er nicht vielleicht Deine Liebe, Dein ſtilles Geheimniß errathen in Deinem Thun


