Teil eines Werkes 
10 (1843)
Entstehung
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Der Bildhauer legte ſeinen Arm zärtlich um den ſchlan⸗ ken Leib der Schweſter, und wandte ſich mit milderm, faſt mitleidigen Blick zur Erhitzten.

Gottes vollen Segen auf Dein reines Haupt! ſagte er mit wehmüthiger Herzlichkeit. Auch all mein künſtig Glück dazu; denn wer verdiente vollkommnere Glückſelig⸗ keit, als Du, mein frommes Kind? Auch ich kehrte be⸗ geiſtert von Erichs Staffelei, und trat arbeitsluſtig vor mein Gerüſt; denn was kann mehr anſpornen zum eige⸗ nen Werke, als der Blick auf ein fremdes Meiſterwerk? Aber ſo wie ich den Meißel anlegte an den unreinen, rauhen vaterländiſchen Stein, wie dann mein Auge über mein halbvollendet Werk hinſtreifte, entſchwand mir Muth und Luſt, und mit dem ſinkenden Armen ſank ein Trauer⸗ ſchleier vor meine Seele. O Schweſter, das Land mei⸗ ner Kunſt iſt nur dort, wo die Natur ſelbſt die Stoffe bietet in dem jungfräulichen Marmor ohne Ader und Riß, in dem Schmelz des Verte Antico und dem ernſten, blutſchattirten Porphir, wo die Wärme des Himmels die Sprödigkeit der Geſteins ſchmilzt, wo die Muſter zu idealen Geſtaltungen auf jeder Straße uns begegnen, jeder Lazarone das Modell eines Herkules, jeder Bettel⸗ bube das eines ſchelmiſchen Amors, jede Winzerin das Modell einer Ariädne darbeut. Dort nur kann der Bildner Meiſterwerke fertigen. So wie er die Grenze des geweiheten Landes überſchreitet, verläßt ihn die Kraft der myſtiſchen Weihe, der Einfluß des Nordens ergreift ihn ertödtend, und verzweifelnd fühlt er, daß er auf der Heimkehr den Meiſtermantel verlor und wieder Lehrling geworden. Beneidenswerth iſt Erichs Loos, die Farben ſind überall dieſelben, ſeine Phantaſie hemmt kein ſprin⸗ gender Sandſtein, keine zerſtörende Luft. Er iſt ein

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Blumenhagen R.