Teil eines Werkes 
10 (1843)
Entstehung
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Fragſt Du noch? Und mein Herz liegt doch vor Dir, wie ein heller Born, und was aller Welt verſchloſſen geblieben, iſt Dein Eigenthum, des Zwillingsbruders, des väterlichen Wohlthäters Eigenthum, verſetzte die Jung⸗ frau traurig. Siehe, da war der gute alte Kämmerer vorbeigegangen, und war zum Fenſter getreten, und hatte mir die Hand hereingereicht. Wie beglückte mich der feſte Handdruck des redlichen Mannes! Iſt er doch Erichs Vater, Deines einzigen treuen Freundes Vater, und ift doch Dein Freund auch der Schweſter Freund geworden, und hat zuerſt die Träume einer ſchönern Zukunft in mir geweckt, hat mir die himmliſche Hoffnung gebracht, als die Dritte in Eurem heiligen Bunde, ſelbſt die Glücklichſte, Euch Beide zu beglücken, Euch Beiden mein armes Leben widmen zu dürfen, ohne Einem von Euch mehr oder minder zu geben. Mit dieſen Träumen eines ſtillen, beneidenswerthen Familienglücks ſitze ich und greife in meine Harfe; da trittſt Du ein, erzählſt von Erichs geheim vollendetem Bildniß, lobſt das Werk; es iſt eine heilige Cäcilia, die Patronin meiner Kunſt; Du blickſt mich bange an und meineſt, er habe meine Geſtalt, ſelbſt meine Haltung des Saitenſpiels auf der Leinwand kopirt; Deine Meinung macht mein Herz trunken in Wonne, denn er hat ja meiner gedacht mitten in den Entzückun⸗ gen und Weiheſtunden ſeiner ſchönen Kunſt; er hat dort in geheimer Nacht ausgeſprochen, was er mir ſchon lange

angedeutet mit ſcheuem, ſittſamem Blick und Wort; wie

ich im ſtillen Kämmerlein, hat auch er geträumt von mir, und nun, da Deine glückliche Antonia einen Feſttag feiert, und wie halb berauſcht vom ungewohnten Trank da ſitzt, ſtöret Dein finſterer Eintritt mein Freudenlied und zerreißt meinen Brautſchleier. Iſt das brüderlich, mein Jeremias 2