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von ihrer Harfe, und beſchäftigte ſich, die Lücken durch neue Drähte zu erſetzen. Aber die Arbeit ging dem ſonſt ſo geſchickten Mädchen nicht beſonders flink von der Hand. Das angenehme, wenn auch nicht gerade ſchöne Geſichtchen war mit einer eigenen Röthe bedeckt, die gleich einem Morgenroth, an dem der Frühwind leichtes Gewölk vorüber treibt, bald in höhern, bald in ſchwä⸗ chern Farben leuchtete, ja vom Kinn bis zur Stirn ihre Plätze wechſelte, und auf eine böſe, fiebernde Krankheit zu deuten ſchien, dem jedoch das mildleuchtende Auge und die geſunden Formen der Jungfrau Widerſpruch thaten. Jeremias trat langſam aus einer Nebenthür in das Zim⸗ mer, ging an der Schweſter vorüber, als ſähe er ſie nicht, öffnete den großen Wandſchrein, nahm Kleid, Mantel und Degen heraus, legte Alles auf den nächſten Seſſel, und begann, einem Nachtwandler in Haltung und Be⸗ nehmen ähnlich, ſeinen leinenen, beſtaubten Arbeitskittel und ſeinen Schurz abzuthun, und ſich umzukleiden. An⸗ tonia ſah ihm kurze Zeit verwundert zu, dann ſtand ſie auf, trat leiſe zu ihm und umfaßte ihn ſanft von hinten.
Du hier? fragte aufgeſchreckt der Bildhauer und ſah mit ſtarrem Blick in ihre ſchimmernden Augen.—
Wie iſt mir denn? fragte die Jungfran. Du kamſt ſo fröhlich aufgeregt nach Hauſe, brachteſt mir ein wahres Chriſtgeſchenk heim, Deine Wallung erlaubte Dir kaum, das Mittagsbrod in Ruhe zu genießen; eiligſt gingſt Du zur Werkſtatt, um die ſchöne Sonne des Tags zu benutzen, und kaum ein Halbſtündchen verfloß, und ganz umgewandelt kehrſt Du aus Deiner Kammer zurück!—
Ein Cyriſtgeſchenk hätte ich Dir mitgebracht? Und welches? Hat doch meine Börſe nichts davon geſpürt! antwortete der Bruder.—


